Oder: Warum „Nachdenken mit dem Stift“ alles verändert.
Als ich neulich nach der Arbeit mit dem Auto zuhause auf die Auffahrt gefahren bin, musste ich wirklich 3x nachdenken, wie ich da eigentlich hingekommen war. Ich hatte keinen blassen Schimmer. Zwanzig Minuten Heimweg, jede Ampel, jeder Kreisverkehr, und ich konnte mich an nichts davon erinnern. Ziemlich spooky, oder? Kennst du das auch, dass du gar nicht so richtig weißt, wer da eigentlich gefahren ist?
Und während ich da noch mit den Schlüsseln in der Hand im Auto saß, fiel der Groschen. (Meine Oma hätte gesagt „pfennigweise“ 😉): Ich hab nicht nur keine Ahnung, wie ich nach Hause gekommen bin – ich hab irgendwie den ganzen Tag verpasst. Morgens um kurz nach 7 habe ich losgelegt, funktioniert, für alle da gewesen, und jetzt ist der Tag weg. Und so richtig war ich eigentlich nicht dabei.
Dein Autopilot ist schlauer, als du denkst: er bringt dich durch den Tag und lässt dich gleichzeitig komplett dran vorbeirauschen.
Wie du ihm mit Zettel, Stift und fünf Minuten Zeit auf die Schliche kommst, zeig ich dir hier. Und dafür musst du nicht mal zeichnen können.
Ich bin ziemlich sicher, ich bin damit nicht die Einzige.
Dein Autopilot ist ja erstmal nichts „Schlechtes“…
Jetzt könnte ich denken, mit mir stimmt was nicht. Ja, ich gebe zu, ich hab echt an mir gezweifelt. Lässt sich aber ganz nachvollziehbar erklären, was da „passiert“ ist: Das Gehirn macht dieses „Unbewusste“ mit voller Absicht, und sogar aus einem ziemlich guten Grund – um dich zu beschützen!
Stell dir vor, du müsstest jeden Morgen neu überlegen, wie Zähneputzen geht, welcher Weg zur Arbeit führt, in welcher Reihenfolge der Haushalt läuft. Du kämst nicht mal bis zum Frühstück, so viele Entscheidungen müsstest du treffen. Good thing: Deine Routinen nehmen dir das ab, jeden Tag, ohne dass du einen Gedanken dran verschwendest. Und das ist ziemlich clever eingerichtet von „Mutter Natur“. Ungefähr 43 Prozent von allem, was wir am Tag tun, läuft genau so (sagt die Forscherin Wendy Wood).
Unheimlich wird es erst, wenn der Autopilot nicht mehr nur die Morgenroutine übernimmt, sondern gleich den ganzen Tag. Auch die Stunden, in denen du eigentlich bewusst dabei sein solltest. Und je voller dein Tag wird, desto mehr rutscht genau dorthin, ins Unbewusste. Unter Dauerstress fährt dein Kopf ausgerechnet den Bereich runter, der bewusst steuert (das zeigt Spektrum der Wissenschaft). Um dich zu beschützen. Du läufst also halb blind durch Stellen, an denen du besser „wach“ gewesen wärst, und merkst es nicht mal.

Also lass uns mal zu Papier und Stiften greifen (ja, wirklich)
Es gibt einen ziemlich einfachen Trick, wie du diesen Autopiloten „entlarven“ kannst. Mit Papier und Stiften. Klingt für dich zu simpel? Dann lass mich dir zeigen, wie’s geht.
Jetzt hör ich dich schon sagen: „Echt jetzt? Auch noch malen? Ich hab eh zu wenig Zeit, und zeichnen kann ich sowieso nicht.“ Got the point… Aber genau da würde ich gerne einhaken. Dein voller Tag ist meistens ein Synonym dafür, dass du zu viel auf dem Zettel hast. Dass hundert Dinge gleichzeitig in deinem Kopf kreisen, die nie fertig sind oder Pause macht. Mit nur 5 Minuten mit Zettel und Stift kannst du dir diese kreisenden Gedanken auf Papier holen. Sie quasi aus dem Kopf holen und „sichtbar“ machen. Und keine Sorge, Strichmännchen genügen völlig – es soll ja kein Kunstwerk werden.
Dein Tag als Straße: so mach ich das mit meinen Kundinnen
Ich arbeite im Coaching meistens mit Bildern, weil ein Gedanke auf dem Papier plötzlich zum Anfassen ist. Probier’s doch hier mal mit mir aus:
- Zeichne eine Straße quer übers Blatt, links der Morgen, rechts der Abend.
- Stell Schilder an die Straße, wie so kleine „Stationen“, mit Uhrzeit. Bei meinen Klientinnen steht da zum Beispiel „Deadline einhalten“, „Einkauf“, „Mittagessen kochen“, das zaghafte „Pause (?)“ und mein Lieblingsschild, das provokante „Entspann dich mal“.
- Mal die Abschnitte bunt an: eine Farbe für die Stellen, an denen du so richtig da warst. So richtig bewusst, im Moment. Eine andere Farbe für die, an denen du nur so „mitgerollt“ bist.



Und jetzt kommt der Teil, der so oft falsch verstanden wird. Weil es hier nicht um Optimierung oder Zeitmanagement geht, sondern um DICH. Ich frag dich: Welche von diesen Routinen tut dir gut und darf genau so bleiben? Und welche „lenkt“ dich heimlich, statt dass du bewusst „fährst“? Auf dem Papier siehst du das in drei Sekunden. That’s the magic… Gedanken sichtbar gemacht…
Die eine „Abbiegung“, die du ab jetzt nimmst
Entwarnung: Du musst jetzt nicht bildlich „die ganze Straße aufreißen“ und alles verändern. Du suchst dir die eine Stelle, die dich am meisten beschäftigt und ärgert, und drehst dort an einer einzigen Kleinigkeit. So klein, dass es nicht wehtut und du es kaum merkst. Wenn es ein „großer Vorsatz“ wäre, würde dein Nervensystem nämlich sofort Alarm schlagen. Aber bei Mini-Schritten bleibt es ganz entspannt.
Beispiel gefällig?
*Sabine, 52, Personalerin, zwei Teenager im Haus, hatte auf ihrem Blatt alles grau (= Autopilot) zwischen drei und zehn am Abend. Ihre eine Abbiegung: nach der Arbeit nicht sofort in die Küche stürmen, sondern vorher einmal um den Block gehen. Zehn Minuten nur für sie, durchatmen, mehr nicht. Nach zwei Wochen haben wir uns im Coaching wiedergesehen, und sie sagte diesen wunderschönen Satz zu mir: „Zum ersten Mal seit Langem war da wieder ein Stück Tag, das NUR MIR gehört hat.“
Was das Bild mit der Straße klar macht
Die meisten Frauen ab 40, mit denen ich arbeite, haben nicht einfach einen schlechten Tag. Sie haben gefühlt 100+ gute, die sich aber alle gleich (unerfüllt) anfühlen. Außen läuft es rund, und innen zieht das eigene Leben vorbei wie die Felder aus dem Zugfenster.
Vielleicht erkennst du die Sätze wieder, die in der Midlife so oft (heimlich und leise) mitlaufen. Für alle da sein, bloß für sich selbst keinen Raum haben. „Eigentlich läuft doch alles“ denken und sich trotzdem seltsam lost und verloren fühlen. Und dieses kleine schlechte Gewissen, wenn man überhaupt mal was für sich will.

Es geht hier nicht um Werbung für Me-Time, Selbstfürsorge oder ein Schaumbad. Mir geht’s darum, dass jede Frau in ihrem eigenen Leben wieder vorkommt, sodass es eben nicht an ihr vorbeizieht. Für dieses Dauer-Funktionieren, bei dem von außen alles bestens aussieht, gibt es übrigens sogar einen Namen: Burn-on. (Hier kannst du meinen Blog-Artikel dazu lesen.)
Was du jetzt tun kannst
Wenn du dich beim Lesen an mehr als einer Stelle wiedererkannt hast, dann finde als nächstes heraus, wo du gerade stehst – irgendwo zwischen gesundem Funktionieren und Dauer-Autopilot. Dafür hab ich einen kostenlosen 2-Minuten-Selbstcheck gebaut. Der soll keine „Angst“ machen, der zeigt dir einfach, woran du gerade bist.
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Und falls du eben mitgemalt hast und beim Sortieren unsicher bist: such dir jemanden, die mit dir gemeinsam draufschaut. Zum Beispiel mich, da bin ich Profi 😉 Hier kannst du dein kostenloses Erstgespräch buchen.
xo, Tina
P.S.: Das Blatt darfst du hinterher wegwerfen. Denn die Stelle, an der ab morgen wieder DU „am Steuer“ sitzt, die weißt du ja jetzt.
Über die Autorin: Tina Niemann ist systemische Coach für Frauen. Sie begleitet Frauen, die nach außen funktionieren und innen an ihre Grenze kommen, mit visuellen Methoden als Anker für den Alltag.


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