Oder: Was passiert, wenn die Coach selbst zur Kundin wird.
Seit einer ganzen Weile schon ist da eine Frage in mir, an der ich mir echt die Zähne ausbeiße: Warum rede ich so gemein und hart mit mir selbst, wenn gerade niemand zuhört? Wie kann ich es schaffen, über den Tag hinweg öfter wirklich bei mir „anzudocken“? Wie kann ich nach einem schwierigen Moment schneller wieder aus der Negativ-Gedanke-Spirale herauskommen?
An diesen Themen arbeite ich mich schon so lange ab. Und ich finde auch immer wieder gute Gründe, warum gerade nicht der richtige Moment ist, mich damit wirklich auseinanderzusetzen. Als Manifestor bin ich immer „wütend“, wenn ich nicht gut mit mir verbunden bin (ja, mein Human Design kennenlernen war für mich ein echter Augenöffner!). Darauf hab ich jetzt keine Lust mehr, immer weiter in so einer negativen Stimmung zu sein. Jetzt über Pfingsten, kurz nach den Abiturprüfungen und dem ersten echten Luftholen seit Wochen, fange ich an. Das Experiment heißt „Experiment: Ich.“ Sechs Wochen, 42 Tage, offener Ausgang. Bereit fühle ich mich nicht sonderlich. Aber weiter „abwarten“ ist halt auch keine Strategie. Also los, Tina 💪
Was dich hier erwartet:
Was ich meine, wenn ich „radikal“ sage, was Forschung zu Selbstmitgefühl und Gewohnheiten dazu sagt, warum Commitment für mich das verlässlichere Tool ist als Motivation — und was das SMART-Modell mit einem Experiment zu tun hat, das gar keine Ziele kennt.
Sortieren wir das mal, ich nehm euch mit in meine Gedanken.
Warum 42 Tage
Man hört oft, neue Gewohnheiten brauchen 21 Tage. Das geht auf einen Chirurgen aus den 1950ern zurück, der beobachtete, dass seine Patienten ungefähr diese Zeit brauchten, um sich nach einer Operation an ihr neues Aussehen zu gewöhnen. Seitdem wandert diese Zahl durch Ratgeberbücher und Infografiken, ohne dass jemand den Ursprung allzu genau unter die Lupe nimmt. Was die Forschung tatsächlich zeigt, ist eine Spanne zwischen 18 und 254 Tagen, im Schnitt bei etwa 66, individuell und stark abhängig davon, was man aufbaut.
Ich habe 42 gewählt, weil mein Coaching-Programm „Bis hierher. Und jetzt anders.“ genau sechs Wochen dauert. Ich begleite Frauen durch genau diese Zeitspanne und erlebe, was in diesen sechs Wochen passieren kann, wenn jemand wirklich hinschaut. Jetzt will ich dasselbe für mich selbst — live erleben, was sich verändert, wenn man konsequent draufschaut.
Und außerdem ist 42 ja auch die Antwort auf alle Fragen 😉 Den Rest der „Per Anhalter durch die Galaxis“-Storyline lasse ich hier mal weg…
Warum ich meinen Titel von „bedingungslos“ zu „radikal“ geändert habe
„Radikale Selbstliebe“ ist klingt zwar wie der Titel von einem der vielen Selbsthilfe-Bücher. Aber ich benutze das Wort trotzdem, weil es besser trifft, was ich meine. Das für mich herauszufinden war schon der erste Augenöffner für mich – this is why:
Meine erste Idee für mein Experiment-Thema war „bedingungsloses Selbstmitgefühl“. Ist ja auch eine gängige Formulierung, kennt man irgendwie. Das Problem, das ich dabei aber sehr schnell für mich bemerkt habe: Unser Gehirn verarbeitet Negationen, also Verneinungen, nicht zuverlässig. „Bedingungslos“ hören — und was hängen bleibt? „Bedingung.“ Ziemlich genau das Gegenteil von dem, was man will.
Denk mal als Beispiel NICHT an einen rosa Elefanten. Und? Hat’s geklappt? Genau das meine ich. Das Gehirn hat das Wörtchen „nicht“ einfach ausgeklammert. Genauso ging es mir mit dem „bedingungs-los“-Anhängsel. Hat nicht geklappt und mich nur noch mehr frustriert. Deshalb durfte etwas anderes her.
„Radikal“ bedeutet für mich: Es gib keinen Weg mehr drum herum. Keine Ausreden. Auch nicht dann, wenn man sich gerade nicht besonders liebenswert vorkommt. Auch nicht dann, wenn der innere Dialog, der seit einer halben Stunde läuft, mehr als unfreundlich ist. Keine Ausnahme für schwierige Tage, keine Ausnahme, wenn die Motivation weg ist.
Über Selbstliebe zu Selbstmitgefühl
Selbstliebe wird häufig als ein Zustand beschrieben, den man entweder hat oder eben nicht hat. Das finde ich schwierig, weil das wenig Handlungsspielraum lässt: entweder man liebt sich, oder man liebt sich nicht, und beides führt nicht sehr weit, wenn man ehrlich ist.
Was ich an der Forschung von Kristin Neff spannend finde, ist ihre Verschiebung: weg vom Zustand, hin zur Reaktion. Selbstmitgefühl stellt nämlich nicht die Frage „Liebst du dich?“, sondern:
- Wie reagierst du auf dich, wenn etwas schiefläuft?
- Wie sprichst du mit dir, wenn du einen Fehler machst?
- Würdest du so mit einer guten Freundin sprechen?
Die meisten Frauen, die ich kenne, kennen diese Lücke sehr genau. Sie würden der besten Freundin nie sagen, was sie sich selbst sagen. Neff hat das messbar gemacht, ohne es klinisch werden zu lassen, und genau das finde ich so spannend.
Selbstmitgefühl ist das, was ich eigentlich meine, wenn ich „radikale Selbstliebe“ sage. Es geht um die Praxis, nicht um einen Zustand, den man irgendwann erreicht und dann abhakt.
Autopilot, und wie man zurückfindet
Der schwierige Teil liegt nicht in der großen Entscheidung. Die hatte ich irgendwann, wenn auch immer wieder wackelig, getroffen. Der schwierige Teil liegt dazwischen: Bewusst dabei bleiben im Alltag, der einen schon überrollt hat, bevor man morgens richtig wach ist. Man erledigt, reagiert, funktioniert — und irgendwann merkt man, dass man schon seit Stunden gar nicht mehr bei sich war. Auf Betrieb geschaltet, ohne es zu bemerken. Das Gehirn liebt das übrigens, es spart Energie. Der Autopilot ist halt mega effizient.
Und er wird nicht besser durch die Art, wie wir die meiste Zeit verbringen. Forscher nennen das, was intensiver Social-Media-Konsum mit unserem Gehirn macht, inzwischen „Popcorn-Gehirn“: Unsere Aufmerksamkeit hat gelernt, schnell zu springen, Reize zu suchen und kaum noch mal innezuhalten. Wer täglich zwischen Reels, WhatsApp-Nachrichten und Snaps wechselt, trainiert genau das: schnelle Reaktion ohne Reflexionsfenster. Dass ich dieses Experiment ausgerechnet auf Instagram dokumentiere, ist mir dabei nicht entgangen und hat schon seinen Grund. Der Widerspruch ist beabsichtigt.
Was mich also interessiert: Wie schnell bemerke ich, wenn der Autopilot läuft? Wie viel Raum liegt zwischen einem Reiz und meiner Reaktion darauf? Und wie schnell finde ich zurück, wenn ich merke, dass ich schon längst abgelenkt und weg bin? Motivation hilft dabei wenig — sie ist schön, wenn sie da ist, und weg, wenn der Tag schwierig wird. Ich möchte es mit Routine versuchen. „Tag X von 42“ erinnert daran, dass morgen Tag X+1 kommt, und dass dieser eine Tag alles ist, was gerade gebraucht wird. Wenn du Lust hast, verfolge meinen Weg auf meinem Instagram-Account.

Was ich beobachte, und wie ich versuche, das zu strukturieren
In meiner Coaching-Arbeit brauchen wir messbare Ankerpunkte, um nach dem Prozess zu ergründen, wie erfolgreich er war. Dafür nutzen wir die gängigen SMART-Kriterien: spezifisch, messbar, erreichbar, relevant, zeitgebunden. Das Modell hilft, aus vagen Absichten konkrete Vorhaben zu machen, und ich nutze es regelmäßig mit meinen Kundinnen. Gerade dann, wenn jemand etwas verändern will, aber noch nicht weiß, woran sie merken würde, dass sich etwas verändert hat.
Joa, und dann der Reality-Clash: Als ich es auf mich selbst angewandt habe, habe ich gemerkt, dass sich das anders anfühlt. Gar nicht nur einfach „klar strukturiert“, sondern die Ziele machen mir plötzlich richtig Druck. „Ich will freundlicher mit mir reden“ ist nämlich viel mehr als nur ein Projekt (mit Abgabetermin). Es ist etwas, das ich wirklich verändern will, in meinem eigenen Tempo.
In vielen Coachings habe ich den Struggle meiner Kundinnen beobachtet. Und so fühlt sich das also an, wenn man selbst derjenige ist, der das gerade durchlebt. I got it…
Also habe ich SMART nur so halb übernommen und auf mich angepasst. Die Zeitspanne ist fix, die Beobachtungspunkte sind konkret und relevant — aber das Ziel dahinter habe ich bewusst weggelassen. Diese 4 Beobachtungspunkte nehme ich mir täglich auf einer Skala von 1 bis 10 vor, damit ich am Ende ein Resumee ziehen kann und für mich ein ehrlicher Vorher-Nachher-Vergleich möglich ist:
- Körperwahrnehmung: Nehme ich bewusst war, was mein Körper mir sagen möchte? Merke ich, was in mir passiert, bevor ich reagiere?
- Eigenorientierung: Handle ich von mir aus, oder orientiere ich mich hauptsächlich daran, was andere brauchen? Bin ich also die „People Pleaserin“ oder schaffe ich es, meine Bedürfnisse zu erfüllen?
- Zurückkommen über den Tag: Wie oft gelingt es mir, vom Autopilot zurück zu mir zu finden? Gelingt es mir, das automatische Programm immer wieder bewusst zu unterbrechen
- Innerer Dialog: Wie klingt der, wenn niemand zuhört? Wir lieb und freundlich spreche ich mit mir selbst?
Kein Urteil über meinen Erfolg, keine Erwartung dahinter. Aber danach hoffentlich ein ehrliches Bild davon, wo ich am Anfang stand und wo ich am Ende stehe.
Kein Versprechen, aber ein konkretes Ende
Ich habe in vielen Coaching-Gesprächen erlebt, was es bedeutet, wenn jemand merkt, dass Wissen und wirkliches Tun zwei sehr verschiedene Erfahrungen sind. Dieser Moment, wo du rein kognitiv schon lange verstehst, was du bräuchtest. Und trotzdem kriegst du es nicht auf dich selbst angewandt. Das ist immer einer der ehrlichsten, schwierigsten, aber auch menschlichsten Momente in einem Prozess.
Ich sitze jetzt auf der anderen Seite davon. Bin nicht die Coach, die den Prozess an sich im Blick behält. Sondern meine eigene Kundin, als Expertin für mein eigenes Leben.
Mit diesem Experiment verspreche ich mir selbst nicht, dass ich am Ende irgendwie „nach 42 Tagen angekommen bin“. Ein Experiment braucht kein Ergebnis, das es erfüllen muss — es braucht nur meine Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen und ehrlich mit mir selbst zu sein. Das ist also das Einzige, was ich mir für diese sechs Wochen vornehme.
Im Sommer werde ich hier schreiben, was diese 42 Tage mit mir gemacht haben. Mit dem Vorher-Nachher-Vergleich aus meinem selbst erstellten Workbook. Ehrlich und authentisch. Wenn dich das interessiert: Abonniere meinen Newsletter, dann bekommst du den Artikel (und auch zwischenzeitliche Updates) direkt.
Wenn du in der Zwischenzeit schon mal schauen möchtest, wo du selbst gerade stehst, ist das Quiz „Außen: läuft. Und was ist mit innen?“ ein guter Einstieg. Fünf Minuten, fünf Anteile, ziemlich klares Bild davon, welcher Teil von dir gerade im Vordergrund ist.
Den Unterschied zwischen Selbstwert, Selbstbewusstsein und Selbstliebe habe ich in diesem Beitrag auseinandergenommen, falls die Begriffe noch durcheinanderlaufen.
Wenn du tiefer willst, gibt es das 6-Wochen-Programm „Bis hierher. Und jetzt anders.“ Sechs Wochen, 1:1, genau für diese Arbeit.
xo, Tina


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